Grundbildungszentrum Ortenau

Einfach lernen - besser leben

Lerner aus Stuttgart

Kurzbiographie

Herr Menger wurde 1987 in Dessau geboren, von wo er 1989 noch vor der Öffnung der Grenze mit seiner Familie in den Westen ausreiste. Die Mutter ist als Krankenschwester tätig, der Vater ist als gelernter Parkettleger Hausmeister. Er hat keine Geschwister und lebt noch bei seinen Eltern. Er hatte mehrere Beziehungen, zurzeit ist er Single.

Lern- und Berufsgeschichte

Marcel (Herr Menger möchte geduzt und mit Vornamen angesprochen werden) erlitt im Alter von ca. 18 Monaten eine schwere Verbrühung des ganzen Körpers, als er in eine Wanne mit heißem Wasser stürzte und dabei einen großen Teil seiner Haut verlor. Er lag mehrere Wochen im Koma und verbrachte insgesamt sechs Monate in Krankenhäusern. Marcel hat eine vernehmliche Sprachbehinderung – laut ihm ist diese eine Folge dieses Unfalls. Marcel besuchte keinen Kindergarten, sondern wurde zuhause von seiner Mutter betreut.

Er wurde dann in der Förderschule eingeschult, die er bis zur neunten Klasse besuchte. Dort habe er „richtig gut rechnen gelernt und es auch können “, allerdings fiel ihm die mündliche Beteiligung und das Lesen und Schreiben sehr schwer. Seine Förderschulzeit beurteilt er dabei durchweg positiv, er habe „gute Klassenkameraden und echt gute Lehrer“ gehabt. 2003-2004 besuchte er ein Berufsvorbereitungsjahr beim CJD in Stuttgart-Zuffenhausen. Dort habe er „gar nichts gelernt, weil sich niemand für mich interessiert hat“. Auch sei er wegen seiner Sprachbehinderung von Mitschülern gehänselt worden, ohne dass die Lehrer etwas dagegen unternommen hätten, was seine negative Wahrnehmung dieses letzten Pflichtschuljahrs noch verstärkte.

Danach nimmt er auf Vermittlung seiner Eltern in einem Ein-Mann-Kiosk mit Toto- Lotto-Annahmestelle eine Tätigkeit als geringfügig Beschäftigter an, als „Mädchen für alles“. Seinem Chef sind die Lese-und Schreibprobleme bekannt und er unterstützt Marcel sehr beim Erlernen der im Kiosk notwendigen schriftlichen Arbeiten. Marcel übernimmt nach einer Weile die „Schreibarbeiten, Bestellungen und vor allem Abrechnungen, weil ich gerne gut mit Zahlen umgehen kann“. Er berichtet ausführlich und mit großem Stolz von einer Schulung bei der Staatlichen Toto-Lotto GmbH Baden-Württemberg, die er erfolgreich mit einem Zertifikat abschließen konnte – sein bis heute einziger Nachweis einer beruflichen Qualifikation. In dieser Zeit erwirbt er auch den Auto-Führerschein, für ihn ebenfalls ein großer persönlicher Erfolg. Marcel erhält aus der gesetzlichen Unfallversicherung eine Unfallrente von 220,00 € pro Monat, und mit den ca. 400,00 € aus dem Kiosk kann er ein bescheidenes eigenes Leben führen. Die kontinuierliche Tätigkeit endet mit der Geschäftsaufgabe des Kioskbetreibers im Jahre 2009.

Marcel fällt danach in ein Loch – er wiegt zu diesem Zeitpunkt mehr als 150 kg (er spricht von „angefressenem Kummerspeck“), sitzt nur zuhause, hat kaum soziale Kontakte und sieht für sich keine Perspektive, denn er findet weder Arbeit noch Ausbildungsplatz. Er berichtet von einer fast vollendeten Selbsttötung durch Herabstürzen vom Dach seines Wohn(Hoch-) hauses im Jahr 2011. Diese Grenzerfahrung indes habe bei ihm zu einem radikalen Umdenken geführt: Er möchte sein extremes Übergewicht reduzieren, Sport treiben und richtig Lesen und Schreiben lernen. Unter ärztlicher Begleitung verliert er innerhalb eines Jahres dann fast 70 kg. Gleichzeitig besucht er Lese- und Schreibkurse bei der VHS Stuttgart. Ein mildtätiger Nachbar finanzierte ihm darüber hinaus zwei Jahre lang mit monatlich 200,00 € einen weiteren privaten Kurs.

Marcel berichtet von massiven gesundheitlichen Problemen in der Folge der frühkindlichen Verbrennungen, die ihn in den folgenden Jahren von der Jobsuche abhielten. 2015/2016 nahm er dann als Hip-Hop-Tänzer an der RTL-Sendung „Das Supertalent“ teil, was laut seinem Bekunden sehr wichtig für seine Persönlichkeitsentwicklung und die Anerkennung im Freundeskreis sowie in seinem Wohnort war „jetzt kannten mich alle und quatschten mich an, keiner macht sich mehr über mich lustig“.

2016 gibt es wieder eine Wende in Marcels Leben: Einer Bekannten der Familie offenbart er seine Lese- und Schreibprobleme – und diese nimmt sich seiner fortan als „Kümmererin“ an. Gemeinsam mit ihr und seiner Familie plant er ein systematisches Herangehen: Arbeit finden, Abschlüsse nachholen und Ausbildung beginnen, „die hat mich richtig unter die Fittiche genommen und ich muss ihr immer erzählen, was ich gemacht habe“. So findet er tatsächlich auf einen selbst erstellten und verteilten Flyer („Wer sucht Hilfsarbeiter?“) hin einen Job in einem Möbelhaus; gegenwärtig bewirbt er sich für eine Aushilfstätigkeit bei der EnBW.

Seit September 2017 ist er in ESF-geförderten Kursen an der VHS Stuttgart eingeschrieben. Zurzeit besucht er einen Vorkurs zum Erwerb des Hauptschulabschlusses im Jahr 2019. Zusammen mit Familie und seiner „Kümmererin“ hat er sich für eine Ausbildung zum Altenpfleger entschieden, die er nach dem Hauptschulabschluss anstreben möchte. Marcel resümiert, dass „es mir jetzt viel besser geht, seit sich jemand um mich kümmert und ich auch genau weiß, dass ich den Abschluss schaffen muss, wenn ich eine gescheite Ausbildung machen will“.

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