Grundbildungszentrum Ortenau

Einfach lernen - besser leben

Lerner aus Waldenbuch

Kurzbiographie

Herr Lakakis wird 1962 in Griechenland geboren. Seine Eltern sind Bauern mit eigenem Betrieb an der Grenze zu Bulgarien. Er hat eine jüngere Schwester, die auch in Deutschland lebt und arbeitet, sein jüngerer Bruder führt mittlerweile die elterliche Landwirtschaft. Herr Lakakis lebt seit 1988 in Deutschland; er ist geschieden und lebt alleine. Aus seiner Ehe gingen zwei Kinder (geb. 1992 und 1995) hervor. Seine Hörverstehens- und Sprechkompetenz im Deutschen ermöglicht ihm, dieses Interview bei gelegentlichem Nachfragen weitgehend problemlos zu führen.

Lern- und Berufsgeschichte

Herr Lakakis hilft von Kindesbeinen und schon vor seiner Einschulung im elterlichen Betrieb mit, wo Tabak und Mais produziert wurde. Kindergarten, Hort oder sonstige vorschulischen Einrichtungen besucht er nicht. Er wird mit sechs Jahren in die griechische Dimotiko Scholio eingeschult, einer Regelschule; diese umfasst die Klassen 1 bis 6 und entspricht im Vergleich zum deutschen Schulsystem der Primarstufe plus der ersten beiden Jahre der Sekundarstufe I . Nach dieser Pflichtschulzeit wird er im Alter von 12 Jahren entlassen. Er berichtet, ein guter Schüler gewesen zu sein, konnte „normal Lesen und Schreiben, auf Griechisch halt “ und hatte Freude an der Schule – vor und nach dem Unterricht hat er stets im elterlichen Betrieb mitgeholfen, „da gab es immer Arbeit für die ganze Familie“. Nach seiner Schulzeit arbeitet er dann auch dort. Er habe in dieser Zeit sehr viel gelesen, laut seiner Beschreibung Groschenliteratur, „wir haben kein Geld für Bücher gehabt“. Schreiben und rechnen muss er danach dann auch ständig, wenn die Produkte des Betriebs vermarktet werden und entsprechende Dokumentationen etc. notwendig werden. Auch schreibt er viele Briefe an Freunde, denn „damals gab es kein Telefon bei uns“.

Von 1980 bis 1982 leistet er seinen Militärdienst in einer entlegenen Grenzregion ab, wo er gegen die Eintönigkeit des Drills und die Langeweile „fast jeden Tag“ Briefe an Freunde und Verwandte schreibt. Dienstlich wird nicht viel geschrieben und „eigentlich nur Bedienungsanleitungen für die Waffen“ gelesen. Nach dem Ausscheiden aus dem Dienst kehrt er in den elterlichen Betrieb zurück, wo er jetzt neben Kost und Logis auch ein bescheidenes Einkommen bezieht – seine Freizeit verbringt er mit Freunden, und das Zeitunglesen im Kafénion nach der Arbeit wird ihm zur lieben Gewohnheit.

1988 schließlich lernt er seine spätere Frau kennen, eine in Deutschland geborene Griechin aus einer Arbeitsmigrantenfamilie der ersten Generation. Nach der Heirat zieht das Paar nach Ammerbuch bei Tübingen. Herr Lakakis spricht zu dieser Zeit kein Deutsch.

Kurz nach der Übersiedlung findet er Arbeit bei einem Düngemittelhersteller.

„Dreckige Arbeit, aber gutes Geld“, wobei sein fehlendes Deutsch kein Problem darstellt. Er muss dabei auch zahlenmäßig Mengen an der Mischanlage erfassen und Maschinenlaufprotokolle erstellen, was ihm laut eigenem Bekunden aber keine Mühe bereitet.

Seine Frau bringt ihm unterdessen zu Hause Deutsch bei, Griechisch bleibt aber immer die primäre Kommunikationssprache, auch mit der Familie der Frau. Nach ca. einem Jahr „war dann aber Schluss, konnte nicht mehr mit ihr lernen“ und man engagiert eine Privatlehrerin, die Herrn Lakakis 2 x 2 Stunden pro Woche intensiv unterrichtet, „da habe ich top gelernt “. Nach drei Monaten war das Budget der Familie bei einem Stundensatz von 20 DM allerdings verbraucht – die erworbenen Sprechkompetenzen hätten „aber auch gelangt zum Leben“. Herr Lakakis arbeitet inzwischen als Staplerfahrer bei einer Elektronikfabrik und erwirbt dort auch den vorgeschriebenen Flurfördermittelschein. Er liest seine Auftragsscheine und schreibt Dokumentationen sowie Arbeitsprotokolle auf Deutsch, „war nie Problem“.

Von 1996 betreibt er dann zusammen mit seiner Frau und griechischen Mitarbeitern, später mit ihren Kindern ein Restaurant, wobei seine Frau alles Schriftliche und die Beziehungen zu Lieferanten regelt. Er ist für den Küchenbetrieb zuständig und bestellt auch seine Rohwaren ausschließlich mündlich über seine Frau. Er beklagt, dass er „in der Zeit alles Deutsch vergessen und nur noch griechisch geredet und gedacht“ habe. Nach einigen Jahren kriselt die Ehe, und bereits vor der Scheidung 2013 wird das Restaurant 2010 aufgegeben.

Unmittelbar danach beginnt Herr Lakakis bei Ritter Sport als Springer in der Produktion in 50%-Teilzeit, und 2017 stockt er auf 75% auf. Seine Defizite im Lesen und Schreiben sind der Firma bekannt, und er wird an Arbeitsplätzen eingesetzt, die diese Defizite zulassen. Die Arbeit bei Ritter ist für ihn erfüllend, „hier möchte ich bis zur Rente bleiben“. Die von Herrn Lakakis gewünschte Aufstockung auf 100% ist seitens der Firma nur möglich, wenn er lesen und schreiben kann – „viele Arbeitsplätze ohne gibt es für mich nicht mehr bei Ritter“. Die Personalentwicklung unterstützt ihn seit 2017 durch ein spezielles Kursangebot vor und nach seiner Schicht, das ihn mit direktem Bezug zu seinem Arbeitsplatz das Lesen und Schreiben ermöglichen soll. Für ihn ist die mögliche Aufstockung auf 100% eine starke Motivation für sein Lernen. Und außerdem, fügt er mit einem Stirnrunzeln hinzu, „muss ich seit der Scheidung immer meine Kinder oder Nachbarn um Hilfe anbetteln, wenn ich in der Post etwas nicht verstehe “. Das sei für ihn sehr peinlich, und er ist auch deswegen sehr dankbar, dass die Firma sich seiner annimmt und ihn beim Lernen unterstützt: „Denn das nützt mir auch im Privatleben, da werde ich vollwertiger Mensch in Deutschland!“.

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