Grundbildungszentrum Ortenau

Einfach lernen - besser leben

Lernerin aus Ulm

Kurzbiographie

Frau Steinmann wurde 1964 in Altenburg/Thüringen in der DDR geboren, als zweitjüngste von insgesamt vier Geschwistern. Die Mutter war Postangestellte, der Vater Bergmann. Ihre Geschwister sind teilweise in akademischen Berufen tätig. Sie hat drei erwachsene Kinder (geboren 1983, 1986 und 1987) und lebt zurzeit in einer festen Partnerschaft in der Nähe von Ulm.

Lern- und Berufsgeschichte

Frau Steinmann erkrankte als Erstklässlerin drei Mal an Hepatitis, was dazu führte, dass sie die erste Klasse drei Mal durchlaufen musste, da sie jeweils für mehrere Monate krank war. Ab der zweiten Klasse wurde sie von Amts wegen auf eine Sonderschule geschickt, die sie nach Erfüllen der allgemeinen Schulpflicht für Sonderschüler in der DDR im Jahre 1980 nach der neunten Klasse abschloss. Zu diesem Zeitpunkt konnte sie nach eigenem Bekunden nur „ganz, ganz schlecht lesen und schreiben, aber ganz gut rechnen“.

Auf Vermittlung des Schulleiters begann sie im Anschluss eine Teilberufsausbildung (DDR-Sprachgebrauch, etwa: Werkerin/Fachpraktikerin in der Bundesrepublik) zur Lager- und Transportfacharbeiterin in einem Volkseigenen Betrieb in Altenburg. Im Berufsschulunterricht habe ihr dabei eine mitwissende Mitschülerin bei Lese- und Schreibaufgaben immer geholfen. Die Fachpraxis habe sie „eigentlich so gut wie die anderen“ hinbekommen, und so konnte sie die Teilberufsausbildung erfolgreich beenden.

Sie wurde im VEB übernommen und war dort bis 1986 tätig. Ihre immer noch fehlenden Lese- und Schreibkenntnisse waren ein Problem, aber sie habe sich durch „Fleiß und Planerfüllung immer durchgeboxt“. Ihr Arbeitsumfeld hänselte sie allerdings deswegen. Sie hätte damals gerne berufsbegleitend einen Alphabetisierungskurs gemacht, kann sich aber nicht erinnern, warum es letztlich nicht dazu kam.

Krankheitsbedingt (Betriebsärztliches Verbot, Lasten zu heben) und nach den Geburten 1986 und 1987 gab sie ihren erlernten Beruf auf und arbeitete ab ca. 1988 in einer Gaststätte am Ort als Spülkraft, wo es „nichts zu lesen und zu schreiben gab“ und sie Anerkennung und Kollegialität erfuhr. Dort spielte ihr funktionaler Analphabetismus keine Rolle, „ich habe gearbeitet und gut war’s, da hat keiner sich für interessiert“.

1990 ging sie mit ihrem damaligen Partner und den Kindern in den Westen, wo sie bei einer Zeitarbeitsfirma Arbeit fand. Dort war ihr Problem bekannt, und die Firma vermittelte sie entsprechend an Arbeitsstellen, wo dies unkritisch war. Sie war vier Jahre lang hauptsächlich in der Fertigung bei Automobilzulieferern tätig und gab dann wieder wegen gesundheitlicher Probleme auf. Zeitweise war ihr dabei die Vormundschaft für ihre Kinder entzogen, was sie seelisch schwer belastete.

In Kempten im Allgäu absolvierte sie danach einen geförderten Altenpflegekurs, in dem sie in vier Wochen für eine Helfertätigkeit qualifiziert wurde. Dort fielen ihre fehlenden Lese- und Schreibschwierigkeiten zwar auf, wurden aber in der Wahrnehmung von Frau Steinmann toleriert, da sie wiederum die fachpraktischen Teile zur großen Zufriedenheit ablegte und sie sich „vieles dann halt auswendig merken konnte, und da ist es nicht weiter aufgefallen und ich habe die Arbeit am Schluss genauso gut machen können wie alle“. Sie berichtet auch, dass sie hier gefühlt die größte Anerkennung für ihre Kompetenz erfahren hat. Auch seien in dem Kurs einige Teilnehmende mit ähnlichen Problemen gewesen.

Danach arbeitete sie mit häufigen, teilweise krankheitsbedingten Unterbrechungen als Hilfskraft in Alten(-plege)heimen.

Seit 2008 war sie arbeitslos. In den folgenden Jahren bis jetzt hatte sie immer wieder Minijobs für Geringqualifizierte (wie Regale befüllen, Aushilfen in der Gastronomie/im Einzelhandel, etc.), die sie aber laut eigenem Bekunden wegen ihrer labilen Gesundheit immer wieder aufgeben musste. Sie lässt allerdings durchblicken, dass ihre fehlenden Lese- und Schreibfertigkeiten teilweise auch ausschlaggebend waren, „wenn es rauskam“.

2017 musste Frau Steinbach eine sechsmonatige Haftstrafe antreten. Dabei wurde man auf ihren funktionalen Analphabetismus aufmerksam und machte ihr JVA-seitig ein Lernangebot, das sie annahm. Ein engagiertes Team von JVA-Lehrern motivierte sie stark, die Zeit damit sinnvoll zu nutzen. Im Gespräch zeigt sie mit großem Stolz Unterlagen aus ihrer Haftzeit, und dokumentiert auch für sich damit ihren Lernfortschritt und die Lernentwicklung. Sie merkt an, dass sie „erst eingesperrt werden musste, bis mir jemand auf die Sprünge geholfen hat “.

Nach ihrer Haftentlassung wurde sie von der Arbeitsagentur in einen aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds geförderten Alphabetisierungskurs bei fakt.ori in Ulm vermittelt. Zuerst hatte sie Vorbehalte, außerhalb des geschützten Raums der JVA

„in meinem Alter noch einen Kurs zum Lesen und Schreiben zu besuchen und nochmal richtig zur Schule zu gehen. Aber hier sind viele noch älter als ich“. Ihr Lebensgefährte, ein Bauarbeiter, unterstützt sie dabei und motiviert sie zusätzlich, indem er ihr mehr und mehr Schreibarbeit überlässt, die er davor für beide übernommen hatte.

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